Venezianische Magie I

Nicole war sich nicht sicher, weshalb ihr die junge Frau auf Anhieb ins Auge gefallen war.

Vielleicht lag es an ihrer Zierlichkeit, gepaart mit dem langen, blonden Zopf und dem sehr jung wirkenden Gesicht.

Vielleicht lag es an der weißen Sommerhose, die zwischen den vielen dunklen Anzugträgern so hervorstach.

Vielleicht lag es an dem strahlenden Gesichtsausdruck, mit dem sie das Flugzeug betrat.

Vielleicht lag es daran, dass sie sogleich vorne in der Business Class Halt machte, um ihren Platz einzunehmen.

Vielleicht lag es auch an der ungewöhnlichen Gesellschaft – zwei Männer, einer im mittleren Alter und hoch gewachsen, der andere etwas älter und kaum größer als die junge Frau, beide legér-schick gekleidet. Auch ihre Gesichter leuchteten voller Zufriedenheit – ganz als ob sie ein Stück venezianische Sonne zum Frühstück verzehrt hatten.

Eine eigenartige Dreierkombination. War die junge Frau mit dem einen Mann verheiratet, war der andere mit seinen kurzen grauen Haaren der Vater? Nein, das passte irgendwie nicht. Sie so große Augen, er recht kleine. Sie volle Lippen, er ganz schmale. Da war äußerlich überhaupt keine Ähnlichkeit.

Waren die drei Freunde? Nein, vom Alter her höchst unwahrscheinlich. Geschwister kam auch nicht in Frage. Oder vielleicht Geschwister plus ein älterer Freund? Doch auch das passte nicht. Die Frau blonde Haare und runde Nase, der jüngere Mann kurze braune Haare und lange Nase, dazu ein markantes Kinn.

Da fiel Nicole auf, dass alle drei eine schwarze Laptoptasche in der Gepäckablage verstauten. Also mussten sie wohl Kollegen sein! Das passte auch mit der Business Class zusammen.

Aber eine junge Frau, vom Alter her wohl kaum fertig mit dem Studium, plus diese zwei Männer, die ganz offensichtlich schon ein paar Jahre im Geschäft zu sein schienen? Nicole spürte eine unerwartet heftige Neugierde in sich aufkeimen – über die Frage , wo die drei wohl arbeiteten und was sie in das wunderschöne Venedig geführt hatte, von wo sie nun gleich ihre Rückreise antraten.

Durch die schmalen Bullaugen präsentierte sich der italienische Sommer von seiner allerbesten Seite. Wolkenloser Himmel, warmer Sonnenschein, perfekte Temperatur zum Wohlfühlen. Nicole hatte viel zu wenig Zeit zum Genießen gehabt, bevor sie wieder den Dienst hatte antreten müssen. Leider blieb dem Personal bei den üblichen Umläufen der Besuch der Innenstadt in der Regel verwehrt. Heute hatte sie die milde Luft und den verlockenden Sommer praktisch nur kurz auf dem Vorfeld genießen können.

Irgendetwas sagte ihr, dass nicht nur das perfekte Wetter und die Business Class für dieses unglaublich glückliche Strahlen auf dem Gesicht der jungen Frau und ihrer Begleiter verantwortlich war. Sie und ihre Kollegen mussten ganz offensichtlich ein paar intensive Tage voller schöner Eindrücke hinter sich haben, die ihnen wohl noch sehr, sehr lange in Erinnerung bleiben würden. Das konnte Nicole förmlich spüren.

Ihre Augen wanderten immer wieder zu der jungen Frau, die sich auf ihrem Fensterplatz an der in Flugrichtung linken Seite einrichtete. Ihre Kollegen hatten sich der rechten Seite zugwandt. Insgesamt war die Business Class auf dem Flug sehr leer. Eigentlich hatte jeder eine Reihe für sich.

„Hattest du nicht Platz 2A?“, fragte die junge Frau den jüngeren ihrer beiden Kollegen, als dieser noch mal etwas aus der Gepäckablage herausholte.

Dieser lächelte sie an, wobei leichte Grübchen auf seinen schmalen Wangen erschienen, und meinte mit einem sehr warmen Wortklang: „Ja, aber von der rechten Seite aus hat man den besseren Blick beim Abflug. Vielleicht setzt du dich auch noch rüber, der Fensterplatz scheint frei zu sein.“

Aha, ein erfahrener Fluggast, dachte sich Nicole. Er hatte absolut Recht. Venedig stand auf ihrer Lieblings-Reise-Liste klar auf den vorderen Plätzen. Der Ausblick bei An- und Abflug war unbeschreiblich grandios.

Kurz bevor es losging, entschied sich die junge Frau, dem Tipp ihres Kollegen zu folgen. Nicole hatte sich gerade für einen letzten Kontrollgang aufgemacht, als sie vor ihr hinüber huschte.

Nervös blickte die Frau Nicole an. „Ich hoffe, das ist okay. Es wird sicher niemand mehr kommen, oder?“

Nicole musste lächeln. Irgendwie niedlich. „Selbstverständlich ist das in Ordnung. Sie nehmen niemanden den Platz weg, das kann ich Ihnen versichern.“ Erleichterung überkam die junge Frau. Nicole nickte ihr zu, dann ging sie weiter, konnte aber nicht widerstehen und blickte noch einmal zurück. Der Kollege hatte sich zu der Frau nach hinten gewandt und lächelte sie mit einem zufriedenen Leuchten an. Erneut fragte sich Nicole, was diese drei Menschen hier in Venedig wohl erlebt haben mussten.

Der Startablauf ging voran.

„Liebe Gäste, hier spricht noch mal ihr Kapitän“, ertönte plötzlich die Stimme aus dem Cockpit. Nicole zog überrascht die Augen hoch und fühlte eine kleine Nervosität in sich aufkommen. Stimmte etwas nicht?

 

Fortsetzung folgt…

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