Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil II

Teil I ist hier zu lesen:

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil I

 

Nicoles Gedanken formten sich…

Mrs. Grudge musste eins ein bildhübsches Mädchen gewesen sein. Dunkles, langes Haar, gepaart mit den dunklen Augen und einer hohen Stirn, ergänzt durch einen schlanken und hochgewachsenen Körper. Ihre Ausstrahlung war sicher keinem der Jungen an der Schule entgangen. Hinzu kam, dass Mrs. Grudge durchaus intelligent war – eine gelungene Mischung, die ihr auch den nötigen Respekt bei den Lehrern sicherte. Ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre Beliebtheit unter den Jungen ließ die Anzahl an Mädchen, die gerne ihre Freundin sein wollten, nie abebben. Mrs. G genoss die permanente Aufmerksamkeit.

Nicole überlegte weiter. Bestimmt hatte Mrs. G eine jüngere Schwester – sie taufte sie Marie – die auf dieselbe Schule ging. Sie hatte ebenfalls die Intelligenz ihrer beider Eltern geerbt, jedoch einen Hauch weniger Schönheit abbekommen. Das glaubte Marie zumindest, wenn sie tagtäglich die Begeisterung um ihre große Schwester auf dem Schulhof und in den Klassenräumen mitverfolgen musste. Mrs. G war durchaus eine nette Schwester – gab gerne Frisurentipps oder lieh einige ihrer Kleider aus. Doch sie ließ auch immer durchblicken, dass sie durchaus der Meinung war, dass es das Schicksal besonders gut mit ihr gemeint hatte.

Mrs. G größtes Problem bestand darin, welchen ihrer Verehrer sie als Partner für den Abschlussball erwählen sollte: Gregor – der schlagfertige Typ, immer für einen Witz zu haben, trug sein schwarzes Haaar etwas länger, sodass es ihm frech in die Stirn fiel, seine Eltern waren durch Aktiengeschäfte durchaus erfolgreich, Gregor selber wollte nach der Schule eine Ausbildung bei der Bank beginnen.

Oder Olaf – der Kapitän der Fußballmanschaft, entsprechend athletischer Körper, sein blondes Haar trug er immer kurz, aber im Nacken ließ er stets eine kleine Locke, er würde mit seinem guten Schulabschluss ein Medizinstudium beginnen.

Mrs. G war hin- und hergerissen. Doch Gregor erwies sich schließlich als der romantischere und damit clevere von beiden, als er eines Morgens mit einem kleinen Strauß Rosen auf ihrem täglichen Schulweg auf sie wartete und höflich fragte, ob sie ihn auf den Abschlussball begleiten würde. Mrs. G war völlig verzückt und spürte einen Hauch von Röte auf ihren Wangen.

Ihre Gedanken wanderten schon weiter in die Zukunft. Eigentlich passte Gregor da auch viel besser hinein. Sie selber würde auf jeden Fall Modedesign studieren gehen, eigene Entwürfe kreieren und diese vielleicht sogar selber als Model auf den Laufstegen präsentieren. Ihre Mutter hatte ihr dieses Handwerk in die Wiege gelegt. Ihrem Vater erzählte sie nicht in dieser Einzelheit von ihren Plänen – es genügte, wenn er wusste, dass sie gerne Schneiderin werden wolle.

Ein studierter Arzt sähe es sicher lieber, wenn seine Frau daheim bliebe, um die wachsende Kinderschar zu hüten, während er selber an seinem perfekten Ruf als Heiler arbeiten konnte. Ein Bankangestellter präsentierte da eher den modernden Typ von Mann, dem es sicher weniger ausmachte, wenn seine Frau ebenfalls einen ordentlichen Beruf erlernte und ihren Traum auslebte.

Ja, Gregor war der Richtige.

 

Nicole unterbrach ihre Schwärmerei für Gregor. Das Boarding war abgeschlossen und ihr Einsatz zum Vorführen der Sicherheitsbestimmungen war gefragt. War es Schicksal, dass Nicole heute in der Business Class arbeiten durfte? Die Purserin sprach ihr Gebet durch die Lautsprecher, während Nicole gedankenverloren ihren Auftritt hinlegte. Sie bemerkte, dass Mrs. Grudge ihre Augen die gesamte Zeit geschlossen hielt und kein Muskel in ihrem Gesicht zuckte. Erst als ihre Vorführung beendet war, öffnete Mrs. G die Augen wieder, hob ihr Buch hoch und las weiter.

Wie arrogant, befand Nicole. Natürlich verfolgten nur noch die wenigsten Passagiere aufmerksam, was das Bordpersonal zu Beginn erzählte und zeigte – doch Mrs. G hatte offensichtlich gelernt, Ignoranz zur Perfektion zu treiben.Watch Full Movie Online Streaming Online and Download

Die letzten Startvorbereitungen waren in Gang und schließlich nahm auch das Bordpersonal seinen jeweiligen Platz an. Nicole legte sich den Gurt um und zog ihn fest. So ähnlich musste es sich auch für Mrs. Grudge anfühlen – dieser selbst auferlegte Hass gegenüber dem Rest der Gesellschaft, der ihr jegliches Licht zur Freude nahm und sie an ihre eigene Verbitterung fesselte, sie aus ihrem Loch nicht mehr aussteigen ließ.

 

Fortsetzung folgt…

 

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