Mrs. Grudge und ihr rotes Kleid – Teil V

Was bisher geschah:

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil I

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil II

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil III

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil IV

 

Nicole war überzeugt davon, dass etwas Dramatisches geschehen sein musste.

 

Mit zitternder Hand hielt Mrs. G den kleinen, aber vielsagenden Papierstreifen in der Hand. Ihr Herz wusste nicht, ob es sich freuen sollte oder nicht. Eigentlich schon, oder? Aber es kam so unerwartet! Wie hatte das geschehen können? Passte es jetzt überhaupt hinein? Und überhaupt – was würde Gregor dazu sagen?

Ja, das war wohl die Frage, dessen Antwort Mrs. G am meisten fürchtete.

Es lief nicht gut in letzter Zeit. Zu sehr nahmen ihre Arbeiten sie beide ein, was für eine gereizte Grundstimmung daheim sorgte. Schnell stritten sie sich über Kleinigkeiten, geplagt von Müdigkeit und zu wenig Freizeit. Nachts überkam sie beide jedoch oft das Bedürfnis, dem jeweils anderen Wiedergutmachung zu schenken. Währenddessen wuchs Maries Bauch immer weiter – das ständige Strahlen in den Augen ihrer Schwester konnte Mrs. G schon eine Weile nicht mehr ertragen.

Mrs. Gs Augen wanderten wieder auf das kleine Papierchen in ihren Händen, auf die zwei deutlich sichtbaren rosa Streifen. Es war Samstag Morgen um 7 und sie stand alleine im Bad. Gregor schlief noch. Sie versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Zu analysieren, wie das hatte geschehen können.

Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Heute war schon Sonntag!

Fassungslos stierte sie auf ihre Pillenreihe im Regal.

Die vergangenen Wochen hatten sie keinen regulären Unterricht mehr gehabt, denn schon bald stand die große Jahresabschluss Show an. Den Schülern wurde die Zeit zur freien Verfügung gestellt, um ihre Entwürfe fertig zu bekommen. Mrs. G hatte zwischen all dem Garn und den Stoffreihen völlig das Gefühl verloren, welcher Wochentag gerade war. Dass Gregor auch ab und an an Samstagen arbeiten musste, war dabei nicht hilfreich.

Völlig unerwartet hatte sich ihr inniger Wunsch durch völlig verdrehte Ereignisse zu einem völlig unpassenden Augenblick erfüllt. Ohne die ersehnte Glückseligkeit, die das Herz erwärmte. Ohne Freudentränen. Ohne Vorfreude auf das, was kommen mochte. Nur Leere. Mrs. G wusste nicht, was sie fühlen sollte.

 

Nicoles Hände zitterten, als sie Mrs. G das Tablett mit dem Essen reichte. Ein dicker Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet, der schmerzvoll drückte, als sie der alten Dame in die stummen Augen blickte.

 

Fortsetzung folgt…

 

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