Mrs. Grudge und das rote Kleid Teil VIII

So, wir sollten uns allmählich mal dem Ende nähern – ich gebe mein Bestes, versprochen 😉 Das hier bringt uns einen guten Schritt weiter:

Was bisher geschah:

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil I

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil II

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil III

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil IV

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil V

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil VI

Mrs. Grudge und das rote Kleid – Teil VII

 

Die kommenden Monate mussten unglaublich hart für Mrs. Grudge gewesen sein, da war sich Nicole sicher. Doch sollte es nicht vielleicht wieder einen Lichtblick am Horizont geben? Ihre Modekreationen liefen doch sicher weiter gut! Irgendeinen Strohhalm braucht jeder Mensch, um jeden Morgen aufstehen zu können.

„Ich bin einfach nur begeistert!“ Ludwig Erhardt wedelte begeistert mit ihrer Mappe vor seinem Gesicht herum und eilte in den Stoffraum hinein. Mrs. G suchte gerade nach einem hellen Samt, mit dem sie die Ränder ihrer neuen Pulloverkreation säumen konnte. Überrascht wirbelte sie herum und blickte ihrem Dozenten in dessen leuchtenden Augen.

„Du solltest ALLE Entwürfe davon umsetzen! Ich will sie alle in den Händen halten!“ Er kam ihr immer näher.

Ludwig Erhardt war langjähriger Dozent und Designer an der Modeschule. Seit dem Herbst saß Mrs. G in seinem Unterricht für besondere Nähtechniken und dem Verarbeiten sensibler Stoffe. Seine wohlige Stimme verbreitete stets eine angenehme Ruhe in Mrs. Gs Herzen, während sie seinen Vorführungen lauschte. Obwohl er allmählich auf die 40 Jahre zuging, wie sie von Schülerinnen aus dem Jahrgang über ihr erfahren hatte, strahlte er mit seinem vollen schwarzen Haar und der makellosen Haut eine große Portion Jugend aus. Gleichzeitig ließ sein voller Bart ihn äußerst reif wirken. Mrs. G fand Männer mit Bart sonst eigentlich grundsätzlich unattraktiv, aber Ludwig…

Sein Unterrichtsstil war frisch und lebendig. Ihm lag viel daran, dass seine Schüler das eben Gelehrte sofort selber ausprobierten. Mrs. G legte offenbar ein äußerst feines Geschick an den Tag, was den Umgang mit den edlen Stoffen betraf, sodass Ludwig sehr oft ihre Ergebnisse als gekonntes Beispiel hervorhob. Außerdem hatte sich die Gewohnheit eingeschlichen, dass er ihrem Talent zur heimlichen Perfektion verhalf, indem er ab und an ihre Hände mitführte, während sie den Stoff unter der Nadel der Nähmaschine gleiten ließ. Mrs. G fühlte sich zutiefst geehrt. Die Blicke der Mitschülerinnen interessierten sie dabei herzlich wenig.

Nun stand er mit ihrer Mappe vor ihr, die sie aus Versehen im Unterrichtsraum liegen gelassen hatte, weil ihre Gedanken schon zu sehr um den Samtstoff gekreist waren. Die Mappe, die sie seit ihrem ersten Tag an dieser Schule begleitete. Ludwig hatte es gewagt, einfach hinein zu sehen. Und sie dankte ihm innerlich dafür. Eigentlich hatte sie ihm die Entwürfe schon längst einmal zeigen wollen, sich jedoch bisher noch nicht getraut. Ludwig musste dies gespürt haben.

So wie er auch stets das Zittern in ihren Händen spürte, wenn er sie wieder einmal an der Nähmaschine führte…

Mrs. G bemerkte, dass ihre Wangen ein zartes Rosa annahmen und schlug verlegen die Augen nieder.

„Das ist mein voller Ernst, Liebes“, bekräftigte Ludwig seinen Wunsch. „Ich sollte fast sauer auf dich sein, weil du mir diese Entwürfe bisher vorenthalten hast!“ Er zwinkerte ihr zu.

„Ein Kleid davon gibt es wirklich schon“, antwortete Mrs. Grudge und zeigte dabei auf die Mappe. Das Feuer in seinen Augen flammte noch mehr auf.

„Wirklich?! Wo?“

„Bei mir zu Hause.“

Ludwigs Arme sanken langsam nach unten und sein Blick fokussierte den ihren.

„Was hältst du davon, wenn ich dich Freitag Abend zum Essen ausführe und wir reden dabei über meine geplante Modenshow kommenden Frühjahr.“

Mrs. Grudge bekam große Augen.

„Ich hole dich ab und du kannst mir dein Kleid zeigen.“

Die Luft zum Antworten blieb ihr weg, sodass sie zunächst nur nickte.

„Welche Uhrzeit wäre dir denn recht?“ Seine Stimme war leiser geworden. So wohlig.

Sie knetete unbewusst an einem Stück Stoff herum, das aus dem Regal hing. „18:30Uhr wäre perfekt.“

„Wunderbar!“ Er strahlte sie mit seinen brennend grünen Augen an.

Nicole fühlte sich leichter, obwohl sie soeben die Reiseflughöhe verlassen hatten. Es war Zeit für eine letzte Getränkerunde in der Business Class. Dabei fiel Nicole auf, dass sie bisher noch gar nicht darauf geachtet hatte, was Mrs. Grudge da eigentlich für ein Buch las.

Es schien ein historischer Roman zu sein, vom Cover her zu urteilen. Nicole spürte eine leichte Enttäiuschung durch ihre Adern fließen. Was genau hatte sie denn erwartet? Einen Mode-Bildband? Sie wusste es nicht. Da fiel ihr auf, dass die Frau auf dem Coverbild ein Kleid trug – ein rotes Kleid.

 

Fortsetzung folgt… (dieses Mal in kürzeren Abständen als die letzten Male, versprochen!)

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